Flakhelfer in der Schilkseer Batterie


Die Flak in Schilksee - ein Kapitel aus dem II. Weltkrieg

[Baldur Springmann - Nachruf]   [Schilksee Archiv]   [Stadtteilseite Schilksee]     [Bunker in Schilksee]

„In Schilksee gab es keine Flak - ich kam doch immer da vorbei!" versicherte uns vor Jahren ein Augenzeuge, gegen Kriegsende selbst Flakhelfer im Dänischen Wohld. Abgesehen einmal davon, daß die alten Bunkeranlagen und der Name „Batterie" des ehemaligen Flüchtlingslagers eine deutliche Sprache sprechen, fehlten zunächst Zeitzeugen. Der erste Zeuge war ein Mann, der zu Beginn des 2. Weltkrieges als Flakwehrrmann u.a. in Schilksee bei der Flak Dienst tat.

So war es keine Frage mehr , ob es eine Flak gab, sondern es ging von jetzt an um das "Wer, wann, wie usw.?" Mit diesem Anfangswissen kamen dann auch - allerdings sehr bescheidene - Zusatzinformationen; z.B.: Ort der Scheinwerferstellung (etwa halber Weg zwischen Campingplatz am Kahlenberger Strand und ehemaliger Batterie, rechts bzw. links vom Stubbeckredder), , Kaliber der Geschütze, Lage der Stellung und besonders der menschliche Charakter des militärischen Apparates in der Schilkseer Flakeinheit. Der Bericht von Kapitänleutnant Dr. Heinrich Beerboom zur Flucht über die Ostsee brachte schließlich den Namen Springmann in die Diskussion (Zitat aus Heinz Schön: Die letzten Kriegstage - Ostseehäfen 1945):
„Es war ein Zufall, daß mit dem (Kriegsschiff-)verband auch Kapitänleutnant Springmann, mit dem ich in den ersten beiden Kriegsjahren als Batteriechef bei derselben Flakabteilung in Kiel-Schilksee Dienst getan hatte, ...".
Doch wer sollte auf die Idee kommen, wer dieser Springmann war und - vor allem - was er nach dem Kriege geworden war. Es handelt sich um den "Bauern mit Leib und Seele" und Mitbegründer der Partei "Die Grünen", Baldur Springmann, bekannt als ausgewiesener Pazifist.

Die Stadt Kiel mit ihren Werften und anderen Rüstungsbetrieben, ihren Hochbrücken und Schleusenanlagen und natürlich mit ihren weitläufigen Wohngebieten hatte einen besonders starken Flakgürtel als Schutz schon bei Kriegsbeginn erhalten. Im ehemaligen Fort Herwarth, am äußersten Südostzipfel Schilksees, befand sich im Kriege das Flugabwehrgruppenkommando (FlaGruKo). Im Nordosten des Dänischen Wohldes und weiter nördlich entlang der Eckernförder Bucht waren die Batterien der Marineflakabteilung 221 stationiert.  Die Schilkseer  Batterie dieser Abteilung - wie die anderen schon Anfang des Krieges aufgestellt - bekam die Nummer 2 und der erste Batteriechef der 2./221 war ein Kapitänleutnant Flickenschildt. Er wurde bereits im Frühsommer 1940 durch den jungen Reserveroffizier Leutnant - später Oberleutnant - Baldur Springmann abgelöst: Industriellensohn aus dem Rheinland und Bauer in Mecklenburg, der erst Monate nach Kriegsbeginn einberufen worden war. Die Flakartillerieabteilung 221 wurde kommandiert von Abteilungskommandeur. Korvettenkapitän. Krug (später Fregattenkapitän Ferber).  Von insgesamt 36 Batterien der Brigade galt Schilksee als Standort der modernsten Batterie in der schönsten Lage. Ab 1941 - als immer mehr Angriffe von der RAF auf die Batterie geflogen wurden und Kiel immer häufiger Ziel alliierter Angriffe wurde - entwickelte sich die 2. Batterie zu der Einheit mit den  meisten Abschüssen!
 

Ausrüstung und Lage der Batterie
Alle Batterien waren jeweils ausgerüstet mit vier 10,5-cm-Geschützen und Entfernungs- sowie Funkmeßgerät (statt Funkmeß spricht man heute i.a. von Radar). Alle Anlagen waren im Boden einbetoniert, zum Teil durch Tunnel verbunden, die Geschütze durch eine Panzerkuppel gegen Splitter gesichert. 10,5 cm war das Kaliber der schweren Flak, die mit unterschiedlichster Munition direkt Flugziele bekämpfen oder Sperrfeuer in bestimmte Höhen schießen konnte, aber auch für den Einsatz gegen Land- und Seeziele geeignet war.  Letzterer Verwendungszweck bestimmte die Nähe der Schilkseer Stellung zum Ufer.

Die Batterie umfaßte insgesamt einen sich im Laufe der Jahre ändernden Bestand an Gebäuden:
- 4 Geschütze  mit unterirdischen
  Munitionsbunkern
- 1 Entfernungs- und Funkmeßgerät
- 1 Wohnbunker mit unterirdischen
   Verbindungen zu anderen Teilen der
   Stellung
- 2 Hauptbaracken, später kam u.a. eine
   weitere als neues Kasino hinzu
- mehrere kleinere Baracken, Erdbunker etc.

Zunächst wohnten die Soldaten im Wohnbunker, später hauptsächlich in den mit hoher Satteldach-Attrappe und aufgemaltem Fachwerk als Bauernhäuser getarnten Baracken. Die Tarnung bewährte sich nicht und wurde im Laufe des Krieges abgeschafft. Auf britischen Luftbildern sollen diese Häuser vorzüglich als getarnte Militärgebäude zu erkennen gewesen sein. Die Lage der Geschützstellung ist durch die veränderte Küstenlinie und die Bebauung heute nur noch zum Teil genau festzulegen.  Die 4 Geschütze bildeten die Form eines Quadrates mit einer Spitze zur Küstenlinie hin ausgerichtet und lagen unmittelbar nördlich der Gebäude der ehemaligen Funkstelle Kiel-Radio. Etwa 50 m landeinwärts am Funkstellenweg liegt noch heute der Bunker für die Feuerleitanlagen (Entfernungs- und Funkmeßgerät), jetzt nach oben hin offen und sichtbar an einen Tunnel angeschlossen. In unmittelbarer Nachbarschaft dieser Anlage findet man im Unterholz die Fundamente einer kleineren, quer zum Funkstellenweg liegenden Baracke. Westlich von ihr, fast völlig von Grün überwuchert, steht noch heute der ehemalige Wohnbunker. Er ragt weit mehr aus früher durch Änderung des Bodenniveaus aus der Erde heraus. Von den anderen Anlagen ist nichts mehr zu finden. Nur alte Fotos - auch britische Luftbilder - sowie Karten zeugen noch von den Gebäuden der Batterie Schilksee.

Neben diesen Anlagen gab es weiter südlich, etwa gleich weit entfernt vom Ort des heutigen Campingplatzes in Schilksee und der Batterie, östlich vom Stubbeckredder eine Scheinwerferstellung, mit deren Hilfe  Nachtangriffe bekämpft werden konnten. Westlich vom Stubbeckredder befand sich ein großer Stromerzeuger für den großen Bedarf elektrischer Energie für Scheinwerfer- und Flakstellung. Von dieser Scheinwerferstellung ist nichts mehr übrig.
Im Frühjahr 1944 hatte sich gezeigt, daß die „10,5er" nicht ausreichten, um der Luftbedrohung Herr zu werden. Die Geschütze reichten nicht weit genug, britische Flugzeuge konnten Kurse wählen, wo sie nicht erreicht wurden. So plante man eine neue Batterie aus 12,8-cm-Geschützen mit erheblich aufwendigerer Anlage aus neuen Betonbunkern. Doch die Zeit lief gegen das 3. Reich. Zwar wurde die Stellung fertiggestellt, die eingebauten „12,8er" konnten in die Kämpfe eingreifen, doch bewahrte die Flak Kiel nicht vor der fast vollständigen Zerstörung der Altstadt und ganzer Industrie- und Wohnviertel. Von den Resten dieser 2. Stellung ist heute fast nichts mehr zu sehen, sie ist jedoch nach Zeitzeugenberichten noch vorhanden: Zum einen bilden große Reste der Flakbunker für die neue Stellung den Sockel des Funkstellengebäudes („Da hat man gerade mal die Kabel - wegen des Kupfers - 'rausgerissen und ein bißchen begradigt. Dann wurde darauf gebaut."). Zum anderen ist noch seeseitig vom Hauptgebäude der ehemaligen Funkstelle der Rest eines weiteren Teiles der 12,8-cm-Stellung beim Blick von den Funkmasten zu erkennen. Was dies genau war, ist schwer auszumachen.

Ein Bauer als Batteriechef
Als Baldur Springmann die Nachfolge von Kapitänleutnant Flickenschildt als Batteriechef der 2. Batterie antrat - Springmann blieb es bis zum Oktober 1944 - begann die außergewöhnliche Entwicklung einer allein schon durch ihre traumhafte Lage bemerkenswerten Flak-Batterie. Das Besondere an der 2. Batterie war einerseits sicher auf den Ort Schilksee und seine Bewohner, zum weiteren auf die Person Baldur Springmann zurückzuführen, einen Mann mit Ecken und Kanten, mit eigenen Ideen und einem Faible fürs Menschlich-Wesentliche. In seiner Beurteilung stand z. B. zu lesen: „... neigt zu Widerspruch und unaufgeforderten Äußerungen ungewöhnlicher Ansichten ... ." Andererseits waren die speziellen Eigenarten der Batterie nur möglich durch Mithilfe (fast) aller Beteiligten. Da waren zunächst wichtige Soldaten vom Batterie-Offizier über den Hauptfeldwebel („Spieß") bis hin zum Küchen„bullen", die die Springmannschen Ideen realisierten, möglich machten und vor allem mittrugen. Weiter lief vieles - und das ist besonders wichtig! - nur zusammen mit der Schilkseer Bevölkerung, d.h. mit den Bauern, insbesondere durch die Hilfe der weiblichen Bewohner Schilksees, die Männer waren ja zum großen Teil an der Front. Zu nennen sind vor allem die Familien Dieckmann und Kähler. Hinzu kam, daß Baldur Springmann (fast) überall außergewöhnlich beliebt war und sich intensiv um seine Leute kümmerte. Ein ehemaliger Flakhelfer (Werner Klönhammer aus Stuttgart) erzählt:
„Er hatte keinen festen Platz bei Essen, er saß mal hier, mal da, immer zwischen seinen Leuten. Er war schon eine beeindruckende Persönlichkeit."
Viele  der Springmannschen Maßnahmen waren nichts außergewöhnliches für einen gut geführten militärischen Verband, andere Entscheidungen waren so wohl nur in Schilksee denkbar .

Das Personal der Batterie
Zu Kriegsbeginn bestand das Flakpersonal nahezu ausschließlich aus regulären Marine-Soldaten, verstärkt durch sogenannte Flakwehrmänner. Das waren nach Zeitzeugenaussage junge Auszubildende, die in der Nähe ihres Arbeitsplatzes phasenweise als Soldaten Dienst in den Flakbatterien ableisteten. Auch in Schilksee wurden solche Flakwehrmänner frühzeitig eingesetzt. Bemerkenswert ist, daß es sich um Marinesoldaten handelte, die aber meist in feldgrauen Uniformen kaum als solche zu erkennen waren. Nur der Experte erkennt auf den alten Fotos an einzelnen Uniformteilen die Zugehörigkeit zur Marine. Noch komplizierter war die Situation der Flakhelfer. Betreut von Lehrern waren sie Angehörige der Hitlerjugend, unterstanden zunächst einmal einem Führer der HJ, wurden in schulischen Dingen von ihren Lehrern betreut und  vom Batteriechef in militärischen Dingen kommandiert. Ihr Gruß war der sogenannte Hitlergruß, der nach dem 20. Juli für alle Soldaten der Wehrmacht obligatorisch wurde, natürlich auch in Schilksee. Ihr Status als Kombattant (rechtmäßiger Soldat) im Sinne des Völkerrechts war nicht eindeutig. Im Laufe des Krieges, als der Personalersatz für die Fronttruppen immer schwieriger wurde, setzte man verstärkt junge Frauen als Marine- und Luftwaffenhelferinnen (für Funkanlagen etc.) sowie Ober- und Mittelschüler ab 15 Jahre als Flakhelfer ein. Diese Kinder (so muß man sagen) taten den Dienst regulärer Flaksoldaten, die so an andere Brennpunkte geschickt werden konnten. Neben dem Dienst an den Geschützen gab es Unterricht von einem oder mehreren Lehrern der Heimatschule. In Schilksee waren es zunächst -  in der Zeit von Januar 1943 bis September 1944 - Schüler der Horst-Wessel-Oberschule in Teterow (Mecklenburg), die es mit ihrem Lehrer in den Dänischen Wohld verschlug. Werner Klönhammer erinnert sich:
„Wir hatten bei unserem Lehrer täglich von 8 bis 12 Uhr Unterricht, der aber regelmäßig Unterbrechungen erfuhr, durch Alarme, Übungen und andere Ereignisse. Außerhalb des Unterrichts sahen wir den Lehrer kaum. Viel gelernt haben wir in diesen  Stunden nicht!"

Neben den Mecklenburgern kamen auch Schüler der Kieler Hebbelschule zum Einsatz , in den letzten Monaten des Krieges - bis zum 10. März 1945 - stellte die Holstenschule Neumünster (Oberschule für Jungen) die Flakhelfer der 12,8-cm-Flak-Geschütze. Über Hebbel- wie Holstenschüler und ihren Einsatz in Schilksee war bislang nicht Detailliertes in Erfahrung zu bringen. Neben den Soldaten, Flakwehrmännern, Flakhelfern und Marinehelferinnen taten auch russische Kriegsgefangene selbst an den Geschützen Dienst. Ihre Aufgabe war es, Munition an die Geschütze zu bringen. Unter Baldur Springmann zu dienen,  war nicht das schlechteste Los, was russische Gefangene, die durch Arbeit und Hunger systematisch vernichtet werden sollten, treffen konnte. Ihre Behandlung in Schilksee muß nach Zeitzeugenberichten geradezu vorschriftswidrig gut genannt werden. Eine zweite Gruppe hilfswilliger russische Kriegsgefangener ("Hiwis") kam 1944, um die Betonarbeiten für die o.a. neuen 12,8-cm-Stellungen zu leisten. Die  30 neuen  Russen hatte es bedeutend schwerer als die erste Gruppe. Sie wurden in eine extra dafür vorgesehene neue Baracke untergebracht, mußten außerordentlich hart 'ran und bekamen extrem wenig an Verpflegung.
"In ihrer kargen Freizeit bastelten sie Waren wie z.B. kleine Kinderschuhe und tauschten sie heimlich bei Soldaten gegen Eßbares." (W. Klönhammer)

Unterkunft und Ernährungslage
Die Unterkünfte der Soldaten und Helfer lagen am späteren Funkstellenweg an der Ecke, wo heute der Stubbeckredder (eigentlich: Stibbeck) beginnt und nach Süden führt (vgl. Plan Lager Batterie).

Die Schilkseer Batterie umfaßte zunächst je eine Baracke als Verwaltungsgebäude, als Offiziersunterkunft und als Mannschaftsunterkunft mit 3-stöckigen Betten. Weiterhin gab es  kleinere Baracken für Toiletten und Waschräume sowie für Geräte. Eine der ersten Maßnahmen Baldur Springmanns war die Umgestaltung der Offiziersbaracke in einen Klubraum mit Kantine. Die  neue -spartanisch eingerichtete - Offiziersunterkunft wurde in der Verwaltungsbaracke eingerichtet. Gegen Ende der Ära Springmann kam u.a. eine weitere große Baracke hinzu, die im wesentlichen 2 Räume ("Oberhaus" und "Unterhaus") für die Mahlzeiten und die Freizeit enthielt. Die Lage dieser Baracke ist etwa da, wo heute der Parkplatz am Stubbeckredder gegenüber dem Pinguinweg liegt.

Apropos Essen! Der übliche - in der Marine gar nicht einmal magere - Küchenzettel wurde durch verschiedene Maßnahmen erheblich ausgebaut und verfeinert. Ein Maat baute eine Schweinemast in einem gegen Vorgesetztensicht getarnten Erdbunker auf, andere Soldaten fingen mit einem Marinekutter Fisch in der Ostsee. Weiterhin wurde auf von den Bauern zur Verfügung gestellten Gebieten neben der Batterie Gemüse angebaut.
Werner Klönhammer erzählte dazu:

„Einmal wurde mit Handgranaten gefischt. Ein Soldat, Fischer aus Ostpreußen, regte sich zwar fürchterlich auf - 'Das ist doch verboten!' - Aber es ließ sich ja auch nicht ungeschehen machen. Und wir hatten wieder etwas neues auf dem Speiseplan: Heringe in Fülle! Leider wurden uns die Dinger nach wenigen Tagen etwas lästig. Heringe in allen Variationen. Bis es endlich wieder etwas anderes gab!"

Neben dem Organisieren von Eßbarem stellte auch die Beschaffung von zusätzlichem Treibstoff für „Extratouren" des Batteriechefs mit seinem - nicht genehmigten - Privat-PKW eine Besonderheit der Schilkseer Batterie dar: Die illegalen Heimfahrten des Chef dienten dem Wohle des Springmannschen Hofe in Mecklenburg und der Versorgung Batterie mit wichtigen Dingen des Lebens - sinnvoll, doch natürlich strengstens verboten, denn die Abwesenheit des Chefs von der Stellung war nicht genehmigt!

Zusammenleben mit den Schilkseern
Während in den Garnisonen auch des 3. Reiches Kontakte mit der Bevölkerung auf offizieller Ebene eifrig gepflegt wurden und auch sonst die Soldaten in ihrer Freizeit durchaus regelmäßig am zivilen Leben partizipierten, wurde dieses im Kriegsfall aus verschiedenen Gründen (Alarmbereitschaft, Geheimhaltung etc.) erheblich eingeschränkt. Den Militärischen Bereich durften die Soldaten nur mit sparsam ausgegebenen Urlaubsscheinen verlassen, Zivilisten - in der Praxis überwiegend Frauen, was leicht zu Problemen hätte führen können - durften den militärischen Sicherheitsbereich normalerweise nicht betreten.

Völlig undenkbar war eigentlich auch der Einsatz von Schilksser Flaksoldaten als landwirtschaftliche Hilfskräfte, wenn die aktuellen Arbeiten auf dem Hof nicht mehr mit dem knappen männlichen Personal, den  Frauen  und den französischen oder polnischen Kriegsgefangenen allein zu schaffen waren.  Ausgehandelt wurde dieses zwischen den Schilkseer Bauern und dem Bauern  Baldur Springmann.

Dies alles förderte regelmäßige sorgfältig verwaltungsmäßig erfaßte gegenseitige Besuche in der Batterie wie auch im Dorf, wo auf der Kähler-Halbhufe eine Art zweites Unteroffiziersheim betrieben wurde. Beliebt waren auch die Tanzfeste in der Batterie, die ohne den sonst im Krieg üblichen Damen- bzw. Herrenmangel stattfinden konnten. Das einzige Problem stellte die Gefahr überraschender Vorgesetztenbesuche aus Richtung Kiel-Pries dar. Dies Problem wurde elegant mit einem speziellen Telefonposten an der Kreuzung Pries gelöst, so daß man vor unliebsamen Überraschungen einigermaßen sicher war.

Das Besondere am Schilkseer Stil?
Der „Schilkseer Stil" hatte zwei „Väter": Baldur Springmann mit  seiner querköpfig-idealistischen Auffassung von Militär und menschlichem Zusammenleben einerseits und die Schilkseer Bevölkerung in Teilen andererseits, die die Voraussetzungen  für eine vergleichsweise fest in die Gemeinde integrierte Militärische Einheit lieferte. Damals  wie heute  weitab von der Kieler Innenstadt und auch noch nicht Kieler Stadtteil, war Schilksee im wahrsten Sinne des Wortes zwar nicht gerade weitab vom Schuß, aber weitab von den fallenden Bomben, leider nicht von allen. Auch Schilksee war gefährdet. Die Batterie schützte das kleine Dorf, auch wenn trotzdem durch einzelne Bomben Verluste an Häusern und ernsthafte Schäden nicht verhindert werden konnten. Andererseits bot Schilksee der Batterie, d.h. einem runden Hundert Menschen in Uniform, eine recht komfortable Art, den Krieg zu überstehen. So war diese Symbiose aus einer kleinen, höchst eigenwillig geführten, doch sehr erfolgreichen militärischen Einheit und einem kriegsbedingt notdürftig funktionierenden Gemeinwesen weniger hundert Einwohner fast (über-)lebensnotwendig für beide Seiten. Baldur Springmann, der das ganze erst richtig anschob und der nazikritische in Bülk als Soldat eingesetzte Hermann Dieckmann, die ja beide Bauern waren, harmonierten dabei außerordentlich gut. Hermann Dieckmann war, was die Chancen, den Krieg zu gewinnen, betraf, realistischer als der von den Idealen des III. Reiches verblendete Springmann: „Baldur, der Krieg ist doch längst verloren!"  Doch Springmann wollte dies lange Zeit nicht wahrhaben. Trotz der unterschiedlichen Auffassungen über die Siegeschancen war der Schilkseer Stil war eine konsequente, auf persönliche Freundschaften aufgebaute Optimierung von vorgegebenen Organisationsstrukturen., orientiert  am Wohlergehen von Soldaten und Zivilbevölkerung innerhalb einer kleinen Gemeinde, eine Nische in der grausigen Wirklichkeit des 2. Weltkrieges.

Selbst beim Urlaub schaffte es Baldur Springmann, als Batteriechef „neue Moden" einzuführen. Die Anzahl der Urlaubsscheine wurde auf raffinierte Art vergrößert, Kriterium für ihre Zahl blieb in erster Linie die Gefechtsbereitschaft, welche die Geschützführer für ihren Bereich garantieren mußten. Das Problem, daß  nicht für alle Urlauber in ausreichendem Maße Lebensmittelkarten zur Verfügung standen, wurde durch die Mitgabe von „Freßpaketen" - heute würde man Lunchpakete sagen - gelöst, was nur durch die allgemein gute spezielle Schilkseer Versorgungslage möglich war.

Baldur Springmanns Betreuung ging über das übliche Maß der Fürsorge eines Vorgesetzten für seine Leute weit hinaus. Soldatenleben fernab der Front war damals nicht selten eine Kombination aus Gammeldienst und Sauferei, wenn dem nicht rechtzeitig entgegengesteuert wurde. Zu diesem Zwecke suchte Springmann  unter seinen Leute solche, die Kultur in die meist feldgraue und nur selten marineblaue Truppe bringen konnten. Die „Lehrer", die ihre Sache nicht schlecht machten, waren der Gefreite Beerenwelch aus dem Elsaß (Französischunterricht), Maat Gerling, der 10 Jahre in England gelebt hatte (Englischunterricht), „Kuddel" Pahl (er veranstaltete einen Singleiterkurs), Leutnant Scheel (er lehrte Geographie mit Literatur von Zuhause), der Gefreite Gustav Lüttge (er war trotz Abiturs nicht zum OA vorgeschlagen und allgemein für die Kulturarbeit der Batterie zuständig) und last, but not least kümmerte sich Fähnrich Willi Leyens um die Bildung der jungen Leute. Sogar Lateinunterricht konnte von interessierten Soldaten oder Flakhelfern gewählt werden. Zur Bildung gehöre auch Theater, befanden  Baldur Springmann und Willi Leyens. Da es in Schilksee aber keine geeignete Bühne und Spielgruppe gab, wurde das Kasino der Batterie zum Theater mit gemalten Kulissen, wurden Soldaten zu Schauspielern, die Dorfbewohner zu Zuschauern. Das Talent des Gefreiten  Gustav Lüttge können wir - weitervererbt auf den Sohn Martin - heute noch auf der Bühne und m Fernsehen bewundern.

Die Zeit nach Oberleutnant Springmann
Man schrieb Oktober 1944,  der Krieg war schon längst verloren, als Baldur Springmann  nach Swinemünde versetzt wurde. Über letzten Monate der Batterie - außer der Umstellung auf 12,8-cm-Geschütze nichts Spektukuläres zu berichten. Nur die Zeitzeugenaussage eines damals wenige Jahre alten Schilkseer Jungen liegt vor:

„Ich kann mich noch genau erinnern, obwohl ich erst ein paar Jahre alt war, wie der Pilot der englischen Maschine wild in seiner Kanzel agierend auf die Flak zuflog und ununterbrochen schoß. Dann wurde er getroffen, flog noch eine Kurve und stürzte in Richtung Dänischenhagen ab."

Nach der Kapitulation entstand für einige Tage auch in Schilksee ein Machtvakuum, in dem Zwangsarbeiter und andere „displaced Persons" einige Probleme bereiteten. So mußten Flaksoldaten die Milchkühne von Hans Schütt auf Scheidekoppel vor den Zugriffen polnischer Deportierter  schützen. Bald hieß es dann für alle Flaksoldaten aus Schilksee: ab in die - meist kurze - britische Kriegsgefangenschaft. Dank Springmanns Arbeit waren im Gegensatz zu anderen Batterien die Verluste in Schilksee gering gehalten worden, unter den Flakhelfern kam wohl niemand  zu ernstem Schaden. Dies ist um so erstaunlicher, als die Schilkseer Flak immer wieder auch direkten Angriffen von Flugzeugen ausgesetzt war.

Baldur Springmann verließ Schilksee im Oktober 1944 und wurde anschließend in Swinemünde eingesetzt. 1945 im Frühjahr flüchtete er über die Ostsee nach Westen. Willi Leyens, der bildungsbeflissene Fähnrich, kämpfte auf der Halbinsel Hela, trug sein Teil dazu bei, den Vormarsch der Russen zu verlangsamen und flüchtete im letzten Moment vor der russischen Gefangenschaft zusammen mit Zigtausenden von Kameraden und Flüchtlingen übers Wasser nach Westen. Seine letzten Wochen als Soldat - inzwischen Oberfähnrich - diente er dem kurzfristigen Führernachfolger Dönitz auf einem Schiff in Flensburg.

Nur wenige von damals leben noch.. Baldur Springmann ist einer von Ihnen, ihm verdanken wir wichtige Informationen und einen Teil der Fotos. Dank allen anderen Informanten, vor allem dem inzwischen verstorben Flakwehrmann Erich Neubauer und dem ehemaligen Flakhelfer Werner Klönhammer sowie Alfred Lienau, der als Flüchtlingsjunge im Gelände der Schilkseer Flak herumgestöbert hat und wertvolles Wissen beisteuern konnte. Wichtige Ergänzungen lieferte auch das Buch „Bei der Marineflak" verfaßt vom ehemaligen Marineartillerieoffizier Klaus Hupp, der in Schilksee in der Scheinwerferbatterie diente. Willi Leyens lebt nicht mehr und auch Hermann Dieckmann ist lange tot, seine Tochter Irma, an die sich Baldur Springmann im hohen Alter noch in seinem Buch erinnert, lebt 88jährig immer noch in Schilksee.

Und wenn sie nicht die Steilküste herunterstürzen, werden die alten Bunkerreste wohl noch in 100 Jahren in Schilksee Zeugnis abgeben von der „Flak-Batterie im Schilkseer Stil".