Schilksee-Archiv Pieper-Wöhlk präsentiert:


Fregatte "Gefion", 1849 in Eckernförde von der Armee Schleswig-Holsteins zur Aufgabe gezwungen
(Cigarettenbild 20er Jahre)

Die Marine Schleswig-Holsteins



Von Hannelore Pieper-Wöhlk und Dieter Wöhlk

1460 war es in Ripen/Ribe vertraglich für alle Zeiten festgelegt worden: die Herzogtümer Schleswig (ein dänisches Lehen) und Holstein (ein Lehen des deutschen Kaisers) sollten zusammenbleiben: "Up ewich ungedeelt!" Auch wenn dies in den nächsten Jahrhunderten durchaus nicht so präzise eingehalten wurde, wie es auf den ersten Blick erscheint, so hatte sich bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts der Zustand einer dänisch/schleswig-holsteinischen Doppelmonarchie - der König von Dänemark war gleichzeitig Herzog von Schleswig und Holstein - einigermaßen bewährt. Mit dem aufkeimenden Nationalbewußtsein und dadurch, daß die europäischen Fürstenhäuser ihren speziellen Nutzen aus dieser neuen Strömung zu ziehen wußten,  erwies sich die Konstruktion des dänisch/schleswig-holsteinischen Gesamtstaates als problematisch. Ursache war der  relativ hohe Anteil dänisch sprechender Bevölkerung im Norden des Herzogtums Schleswig, während im Westen des Landes zum Teil friesisch, sonst fast ausschließlich plattdeutsch gesprochen wurde. Um alle Dänen in einem Staatsverband zusammenzuschließen,


Kanonenboot I. Klasse "Von der Tann" ex. Eider (Cigarettenbild, 20er Jahre)

verfügte Friedrich VII. am 21. März 1848 die vollständige Eingliederung Schleswigs in Dänemark, während Holstein - seit 1815 Mitglied des deutschen Bundes - besonderer Teil des dänischen Gesamtstaates gemäß einer speziellen Verfassung werden sollte. Dies widersprach den Wünschen breiter Kreise der Schleswig-Holsteiner, deren Spitzenpolitiker in Kiel eine provisorische Regierung bildeten und eine eigene Verfassung für die beiden Herzogtümer verkündeten. Dies war eine Revolution, die auf dänischer Seite sofort militärische Maßnahmen nach sich zog. Während die Schleswig-Holsteiner in relativ kurzer Zeit - mit Hilfe von Ausländern (Bayern, Preußen etc.) - für den Landkrieg eine respektable Armee (sie zählte schließlich fast 27 000 Mann) aufstellen konnten, sah es auf dem Wasser schlimm aus. Als Dänemark, Besitzer einer relativ starken Flotte, im April 1848 eine Seeblockade nicht nur der Küsten Schleswig-Holsteins, sondern  auch des deutschen Bundes eröffnete, hatten die Herzogtümer dem nichts entgegen zu setzen. Zwar unterstützte Preußen kurze Zeit mit Hilfe eigener extrem schwacher Seestreitkräfte die Sache Schleswig-Holsteins, schloß jedoch schon im August mit Dänemark einen Waffenstillstand und stellte sich somit gegen die provisorische Regierung in Kiel. Hier versuchte man, Nägel mit Köpfen zu machen.  Am 1. Dezember 1848 wurden eine Seekadettenanstalt gegründet und der Aufbau einer eigenen Flotte in Angriff genommen. Bis zum Frühjahr 1849 stellte die schleswig-holsteinische Marine 4 armierte Dampfer, einen Schoner und 11 Segel- und Ruderkanonenboote in Dienst. Den ersten große Erfolg gegen die hochgerüsteten dänischen Seestreitkräfte, die immerhin an größeren Einheiten 6 Linienschiffe, 8 Fregatten und 4 Korvetten aufbieten konnten, errangen jedoch Landstreitkräfte der schleswig-holsteinischen Armee: am 5. April 1849 versenkte die 5. schleswig-holsteinische Festungsbatterie mit 10 Geschützen und Unterstützung 6 nassauischer Geschütze von Eckernförde aus das dänische Linienschiff "Christian VIII." und beschädigte die Fregatte "Gefion", die geentert werden konnte und später dem deutschen Bund übergeben wurde. Inzwischen hatten die Gründer der schleswig-holsteinischen Marine eine stattliche Anzahl an Schiffen unter der blau-weiß-roten Flagge, die zeitweise mit der Flagge des deutschen Bundes zusammen gehißt wurde, versammelt: 12 Kanonenboote, 3 bewaffnete Raddampfer, 1 bewaffneten Schoner,  1 unbewaffnetes Ausbildungsboot, 1 bewaffneten Zoll- und Bugsierdampfer, 1 bewaffneten Schleppdampfer, 1 Tauchboot ("Brandtaucher"). Die Erfolge stellten sich ein: Schleswig-holsteinische Kanonenboote fuhren durch den Schleswig-Holsteinischen Kanal in die Nordsee und besiegten dänische Besatzungstruppen auf Sylt und Föhr (Mai 1849). Andere Kriegsschiffe kämpften gegen das dänische Linienschiff "Skjold" vor der Kieler Förde (Juni 1849), schlugen erfolgreiche Gefechte vor Heiligenhafen, im Fehmarnsund und vor Amrum  (Juli bzw. September 1850). Aber es gab auch Rückschläge: das Dampfkanonenboot "von der Tann" geriet bei einem Angriff auf dänische Kriegsschiffe vor Neustadt auf Grund und mußte durch Brand von der eigenen Mannschaft vernichtet werden (Juli 1850), die befreite Insel Föhr wurde außerdem im September 1850 wieder von dänischen Seestreitkräften erobert. Der größte Rückschlag war jedoch der Friedensvertrag zwischen Preußen und Dänemark am 2. Juli 1850. Damit fiel Preußen Schleswig-Holstein vollends in den Rücken, das Land mußte weiter allein gegen Dänemark kämpfen, ohne Unterstützung Preußens, nicht einmal des deutschen Bundes. Wenige Monate später, am 18.12.1850, lief ein vielversprechender neuer Kriegsschifftyp  in Kiel bei Schweffel&Howaldt vom Stapel: das erste unter Wasser fahrende Boot - Erfinder war der in schleswig-holsteinischen Diensten stehende Bayer Wilhelm Bauer. Mit Hilfe dieser revolutionären Konstruktion - passend zu der revolutionären schleswig-holsteinischen Erhebung - sollten unerkannt Anlagen im Hinterland  der dänischen Armee zerstört werden. Als das Boot wie geplant am 11.1.1851 der Marine Schleswig-Holsteins übergeben werden sollte, sank es aufgrund von technischen Änderungen, die gegen den Willen des Konstrukteurs vorgenommen worden waren, auf den Grund der Kieler Förde - ein Ereignis von hohem Symbolwert. Am gleichen Tag nämlich zwang der deutsche Bund Schleswig-Holstein, den Kampf gegen Dänemark aufzugeben. Am 4. März des Jahres mußten die gesamte Marine Schleswig-Holsteins wie auch die Armee insgesamt aufgelöst werden, und die Schiffe wurden der dänischen Marine übergeben. So scheiterte der Kampf Schleswig-Holsteins um seine Unabhängigkeit am Widerstand der deutschen Staaten, insbesondere Preußens.

es wird noch ergänzt: Aufstellung der Schiffe der SH-Marine

Literatur

Röhr, Albert: Handbuch der deutschen Marinegeschichte, Oldenburg/Hamburg 1963
Hildebrand, Hans; Röhr, Albert; Steinmetz, Hans-Otto: Die deutschen Kriegsschiffe Band 1, Herford 1979
Kieler Anzeiger: Regionalhistorische Beiträge, div. Hefte


Epilog  -   Der Brandtaucher gehört nach Kiel!

1887 wurde das U-Boot Wilhelm Bauers von der kaiserlichen Marine gehoben und zunächst nach Berlin, später nach Dresden überführt. Zur Zeit befindet es sich in einem Pavillon im Kieler Schiffahrtsmuseum, soll aber wieder zurück nach Dresden. Es war ein Boot der Marine Schleswig-Holsteins zur Zeit, als die deutschen Staaten sich weigerten, Schleswig-Holstein in schwierigen Zeiten zu unterstützen. Da fragt man sich unwillkürlich: "Was soll der Brandtaucher dann überhaupt in Dresden? In einem Museum der Bundeswehr???" Schleswig-Holstein gibt die Stiftung Pommern nach Greifswald, weil sie - so liest man - dorthin gehört. Der Brandtaucher gehört nach Schleswig-Holstein, nach Kiel. Es wird viel über Rückgabe von Museumsstücken gesprochen, in unterschiedlichsten Zusammenhängen. Hier scheint ein klarer Fall vorzuliegen: der Brandtaucher sollte wieder in seine Heimatstadt zurückkehren - als Erinnerung an die Marine Schleswig-Holsteins, als unser Land bereits für kurze Zeit eine demokratische Verfassung hatte!

Fotos Brandtaucher: Dieter Wöhlk (Copyright 2001)



(c) Pieper-Wöhlk 2/2002