Die Briefmarken Schleswig-Holsteins
1850 bis 1852 und 1864 bis 1867
In der Weltgeschichte ist es häufig dann zu bedeutenden Ereignissen gekommen, wenn mehrere wichtige und einflußreiche Entwicklungen und Faktoren zusammengetroffen sind. Dies gilt auch für den Anlaß des zu feiernden Jubiläums. Erinnern wir uns: Nachdem die beiden Herzogtümer Schleswig und Holstein seit dem Vertrag von Ripen/Ribe im Jahre 1460 über drei Jahrhunderte relativ problemlos mit dem Königreich Dänemark verbunden waren, der dänische König gleichzeitig Herzog von Schleswig und Holstein war, brachte der aufkeimende Nationalismus zu Beginn des 19. Jahrhunderts zusammen mit Problemen des Tronfolgerechts die Dinge aus dem Gleichgewicht. Die immer stärker werdenden Gegensätze waren dabei im wesentlichen auf das Herzogtum Schleswig beschränkt und lagen im kulturellen Bereich (dänische und deutsche Kultur) sowie in der Sprachenvielfalt (vor allem plattdeutsch, dänisch und friesisch). Seit dem frühen Mittelalter war Schleswig ein dänisches Lehen, während Holstein (dazu kam noch das Herzogtum Lauenburg), das keine nenneswerten dänischen Bevölkerungsanteile hatte, seit Jahrhunderten Lehen des deutschen Kaisers und im Gegensatz zu Schleswig Teil des Deutschen Bundes war. Die bei vielen Dänen populärste Lösung der Spannungen war eine Eingliederung des Herzogtums Schleswig nach Dänemark, während die Schleswig-Holsteiner eine eigenstaatliche Lösung anstrebten, zunächst in der Form einer Doppelmonarchie zusammen mit Dänemark unter dem dänischen König, dann als unabhängiger Staat unter einem eigenen Herzog, bei entsprechender Entwicklung als gleichberechtigter Partner neben anderen Fürstentümern in einem neu zu gründenden Deutschen Reich. Dieser Konflikt führte 1848 und 1864 zu zwei Kriegen, bei denen schließlich beide Seiten - die Dänen wie auch die Schleswig-Holsteiner - ihre Ziele nicht erreichten. Dänemark verlor nach 1866 seinen Einfluß auf Schleswig-Holstein vollständig, und Schleswig-Holstein wurde nicht unabhängig und völkerrechtswidrig von Preußen annektiert. Zu der historischen politischen Situation kam die Erfindung der Briefmarke 1840 in Großbritannien sowie der Bau der Eisenbahn Kiel - Altona 1844, die das seit 1694 bestehende System der Post- und Personenbeförderung im Gesamtstaat revolutionierte. Bis 1844 hatte es nur in Nord-Süd-Richtung verlaufende Kutschen-Kurse der fahrenden Post gegeben, die in den Querverbindungen durch reitende Boten ergänzt wurden.
Mit der Bildung der provisorischen Regierung am 24.3.1848 im alten Kieler
Rathaus auf dem alten Markt begann eine umfangreiche Neuordnung der
Verwaltung in den Herzogtümern. Neben einer wenn auch nur für
kurze Zeit in Kraft befindlichen demokratischen Verfassung betraf dies
insbesondere den Aufbau einer eigenen Post. Leiter des „Bureau für
das Postwesen“ wurde der 1817 in Gravenstein/Gråsten geborene
Wilhelm Ahlmann, Privatdozent an der Christian-Albrechts-Universität
zu Kiel und späterer Gründer des Kieler Bankhauses gleichen Namens.
Unter Ahlmann kam es
zu
erheblichen Verbesserungen im Postwesen durch Einführung neuer Postkurse,
Vereinfachung und Ermäßigung der Taxen, Einführung von
Postanweisungen und schneller Eisenbahnpost. Große Probleme
bereiteten lange Zeit vor allem die Zustellbezirke und die jeweiligen Portostufen
(Taxen). Innerhalb eines oder mehrerer Zustellbezirke galt ein anderes
Porto als nach außerhalb, wobei i.a. bei der Aufgabe des Briefes
nicht klar war, wie teuer das Gesamtporto werden würde. Vielfach konnten
auch Briefe bei der Zustellung durch den Boten mitgenommen werden und zum
Adressaten ohne Einschaltung des Postamtes direkt zugestellt werden. In
solchen Fällen mußte der Zusteller selbst die Funktion eines
Postamtes wahrnehmen. Die entscheidenden Schritte zu einem modernen Postwesen
stellten jedoch internationale Postverträge und die Herausgabe von
Briefmarken dar. In Schleswig-Holstein geschah letzteres bereits im Jahre
1850, also 10 Jahre nach Großbritannien, 1 Jahr nach Bayern, aber
früher als in vielen anderen Staaten des Auslands ( Dänemark
1851, Thurn und Taxis 1852, Schweden 1855, Hamburg 1859). Auch wenn die
schleswig-holsteinischen Marken - letzlich aus Kostengründen - im
eigenen Land gedruckt wurden, so hatten doch Erfahrung von Postverwaltungen
und Druckereien im Ausland, insbesondere in Belgien, erheblichen Einfluß
auf die Realisierung des von Wilhelm Ahlmann selbst erstellten Entwurfs
eines Postschillings. Die beiden am 13.11.1850 verausgabten Marken (zu
1 Schilling in Blau-Tönen, zu 2 Schilling in Rot-Tönen) wurden
auf Sicherheitspapier mit Seidenfaden in Auflagen von 80 000 bzw. 40 000
gedruckt. Doch als sie an 38 Postanstalten verteilt wurden, war die
Handlungsfähigkeit der Postverwaltung der Herzogtümer durch
die unglückliche, vielleicht sogar unnötige
Niederlage
der schleswig-holsteinischen Armee bei Idstedt am 24./25.1850 bereits auf
das Herzogtum Holstein begrenzt. Außerdem hatte Preußen, dessen
Armee anfangs zusammen mit anderen Truppen aus dem Ausland Schleswig-Holstein
militärisch unterstützte, sich durch einen Friedensvertrag mit
Dänemark auf Kosten Schleswig-Holsteins geeinigt (Juli 1850)
und zwang im folgenden Jahr schließlich die beiden Herzogtümer
zusammen mit Österreich und anderen Großmächten wieder
unter die Krone des dänischen Königs. Damit endete am 15.4.1852
die Existenz der schleswig-holsteinischen Postverwaltung, mußten
Wappen und Landesfarben von Fahrzeugen und Gebäuden entfernt
und die Posthoheit an die Generalpostdirektion in Kopenhagen zurückgegeben
werden. Ab sofort galten die neuen dänischen Briefmarken auch in Schleswig-Holstein,
wo sich der Gebrauch der eigenen Briefmarken bis 1852 nur in geringem
Umfang durchgesetzt hatte. Wenige postalisch gebrauchte Exemplare der Marken
(Katalognummern 1 und 2), insbesondere solche auf Briefen und Briefstücken,
sind daher erhalten geblieben. Als einmalige Dokumente der Eigenstaatlichkeit
Schleswig-Holsteins erzielen sie heute gestempelt erheblich höhere
Preise als die noch relativ zahlreich vorhandenen ungebrauchten Exemplare.
Brief von Kiel Bahnhof nach Flensburg (Flensborg) am 17. 8. 1851
mit dänischer Briefmarke
(Sammlung Pieper-Wöhlk)
Keine 12 Jahre nach der Niederlage von 1851/52 begann der nächste
Krieg um die Herzogtümer. Inzwischen hatte sich die
politische
Lage
in Europa gewandelt. Preußen war Zentrum des Norddeutschen Bundes
geworden und nur Österreich stand noch der kleindeutschen Lösung
unter Führung von Wilhelm dem Ersten ernsthaft im Wege. Zunächst
jedoch kämpften Truppen des Deutschen Bundes, vor allem Preußen
und Österreicher, gemeinsam gegen Dänemark, allerdings weniger
um die Schleswig-Holsteiner zu befreien, die sich inzwischen voll den Staaten
des deutschen Bundes ausgeliefert hatten. Ziel Preußens wie Österreichs
war es vielmehr, das eigene Staatsgebiet, die eigene Macht zu vergrößern,
was zwangsläufig nach der
dänischen
Niederlage zum Krieg Preußens gegen Österreich führte.
Im März des Jahres 1864 kam es zur Ausgabe neuer
schleswig-holsteinischer Briefmarken, mit neuen Motiven sowie wechselnden
Beschriftungen (Herzogth. Schleswig, Herzogl. Post, Herzogth. Holstein,
Schleswig-Holstein), unterschiedlichen Währungen (zunächst: noch
dänische Skillinge trotz deutscher Besatzung, dann Schilling Courant
mit 4 S = 1¼ S. Crt.) und - vor allem - unterschiedlichen Zeiten
und Bereichen der Gültigkeit. Dahinter steckten kaum nachzuvollziehende,
nach Kriegsverlauf und Machtverhältnissen wechselnde Situationen in
der Postverwaltung der Herzogtümer. So wurden z. B. die Marken mit
den Katalognummern 8 bis 12 mit Inschrift „Schleswig-Holstein“ im Herzogtum
Holstein vom 4. 12. 1864 bis zum 20.6.1866 verausgabt, in Schleswig nur
bis 14.9.1865.
Die
einzelnen Herausgabedaten und Gültigkeitsdauern der insgesamt 23 Marken
Schleswig-Holsteins zwischen 1864 und 1867 sowie die Zuständigkeiten
der verschiedenen Postinspectionen und Directionen sind ein Kapitel für
sich und im Einzelnen auf Tabellen in der Ausstellung im Ehrenhof
nachzulesen. Interessant auch das Zusammenspiel von Portostufen der Briefmarken
und den Münzwerten. Das Lokalporto betrug seinerzeit 1/2 Schilling,
das normale Porto innerhalb des Landes - also innerhalb des Postbezirks
der Herzogtümer Schleswig und Holstein einschließlich Lauenburg
- 1 1/4 Schilling, es hätte aber nach den Vereinbarungen des Postvereins
1 1/3 Schilling betragen müssen. Da es aber keine Münze
im Wert von 1/3 Schilling gab, nur eine 1/4-Schilling-Münze, konnte
zunächst auch keine Briefmarke mit dieser Wertstufe eingeführt
werden. Das Briefporto blieb somit bei preisgünstigen 1 1/4 Schilling.
Ins Ausland - z.B. nach Bayern - mußte entsprechend höher frankiert
werden, d.h. ein Brief von Kiel nach München kostete 2 Schilling.
Nach der Annexion
1867 waren in ganz Schleswig-Holstein wieder Marken mit der Inschrift „Schleswig-Holstein“
sowie preußische Briefmarken gültig, ab 1.1.1868 dann allein
die Marken des Norddeutschen Postbezirkes in der neuen Groschenwährung.
Ihre Eigenstaatlichkeit gewannen die ehemaligen Herzogtümer erst wieder
1946 nach Auflösung des preußischen Staates durch die britische
Besatzungsmacht, allerdings ohne das durch Abstimmung 1920 gemäß
Versailler Vertrag abgetrennte Nord-Schleswig/Sønderjylland. Außer
den Marken für dieses Abstimmungsgebiet mit der Inschrift „Slesvig“
hat es Schleswig-Holsteinische Briefmarken jedoch nach 1867 - leider
- nie wieder gegeben. Dafür geben relativ viele gut erhaltene und
nicht nur teure Einzelmarken, Briefe, Briefstücke sowie private Nachdrucke
und Spezialitäten wie halbierte Marken aus den Jahren 1864 bis 1867
reichlich Zeugnis von der komplizierten Postgeschichte unseres Landes.
aus: Festschrift zur Briefmarkenausstellung Kieler Ostseehalle 2000