| Die Hafendampfer "Kitzeberg und Möltenort" |
| Von Hannelore Pieper-Wöhlk und Dr. Dieter Wöhlk |
Anfang der 1930er Jahre hatte die Spitze der Hafenrundfahrt AG (später KVAG, Abt. Schiffahrt und heute als Schlepp- und Fährgesellschaft - SFK - bekannt) sowie der Neuen Dampfer-Compagnie (NDC, später von der KVAG übernommen) die Zeichen der Zeit erkannt: Langsame und unkomfortable Dampfer waren auf der Kieler Förde nicht mehr dem Trend. Der Name "Plätteisen" - im Volksmund eher verächtlich als liebevoll gemeint - für den Dampfer "Gaarden" (Baujahr 1907) sprach Bände. In den Anfangsjahren des III. Reiches fehlte es auch nicht mehr am nötigen Kleingeld. Großzüge Hilfe für alle Branchen versprachen Arbeitsplätze und halfen die Probleme der deutschen Reedereien zu lösen. Die ersten Neubauten, die die Flotte der weißen Dampfer der Hafenrundfahrt entscheidend verjüngten, waren die - damals noch - identischen Schwesterschiffe MS "Stadt Kiel" und MS "Heikendorf", mit denen gleichzeitig ein neuer Schiffstyp auf der Förde kreiert wurde, der bis zu den Olympischen Segelwettbewerben 1972 maßgeblich das Bild der Kieler Förde mitprägte und nachhaltig die Kieler darin beeinflussen sollte, wie ein "Hafendampfer" denn so aussehen müsse.
Schon kurz nach der Indienststellung der beiden ersten Motorschiffe
der Hafenrundfahrt AG wurden gleichzeitig zwei neue auf Stapel gelegt:
die MS "Kitzeberg" und die MS "Möltenort". Stapellauf für beide
"Hafendampfer" (die keine Dampfer mehr waren) war der 11. April 1936, die
Indienststellung lag unmittelbar vor den Olympischen Segelwettbewerben
1936, wo die Schiffe als schwimmende Tribünen verwendet wurden.
Im Gegensatz zu ihren Vorgängerinnen blieben sie allerdings echte
Schwesterschiffe, waren. weitgehend nur durch den Namenszug unterscheidbar.
Sie hatten statt eines Rettungsbootes nur Flöße und wurden ausschließlich
im Liniendienst innerhalb der Förde eingesetzt. Im Hafenbereich konnten
beide Schiffe je 433 Personen transportieren, bis zur Linie Bülk/Stein
326. Mit den vier Neubauten war das Neubau-Programm der Hafenrundfahrt
schon abgeschlossen. Zwei weitere geplante Schiffe des Typs "Stadt Kiel"
blieben kriegsbedingt ungebaut. Dennoch konnte schon wenige Jahre nach
dem Kriege die KVAG-Schiffahrt - im Gegensatz zur Straßenbahn, die
das nie schaffte - sich im äußeren Bild
im
Einheitslook präsentiert werden. Es wurden einfach zwei weitere alte
Schiffe umgebaut und äußerlich sehr geschickt den vier Neubauten
angepaßt, so daß es außerordentlich schwierig ist - z.B.
auf Fotos - die sechs Schiffe auseinanderzuhalten. Umgebaut und umgestylt
wurde der Dampfer "Friedrichsort" - einst eine Art Plätteisen wie
die "Gaarden" sowie die ebenfalls schon sehr betagte „Holsatia„ (ex Schleswig)
der NDC, deren biblisches Alter (Baujahr 1907) man nur noch am altertümlichen
Heck erkennen konnte. Ansonsten wirkte die "Holsatia" wegen ihrer
schrägen Bugform sogar eher eleganter!
Während die "Friedrichsort", zuletzt hauptsächlich als Gaardener Fähre eingesetzt, bis 1968 bei der KVAG blieb und dann in den Schmelzofen wanderte, wurde die "Holsatia" schon 1961 verkauft. Sie ging als "Jürgensby" nach Flensburg und wurde 1966 verschrottet. Die "Kitzeberg" und die "Möltenort" hielten aufgrund ihres jugendlichen Alters etwas länger im Dienst als die beiden Umbauten Im Kriege wurden beide durch Bomben beschädigt, dann repariert und wären fast als Reparationsgut an Großbritannien gegangen. Doch die Briten verzichteten, vor allem wohl, weil die Schiffe auf der Förde nicht zu ersetzen waren. Die "Möltenort" wurde zweimal - 1943 und 1944 – getroffen und repariert. Beide blieben somit auch nach dem Krieg beliebte Schiffe der Ausflugsgäste auf der Kieler Förde, obwohl von weitem kaum einer die insgesamt 6 doch sehr ähnlichen Schiffe sicher von Weitem unterscheiden konnte. Mit dem Neubau der 2. Schilksee 1959 deutete sich allerdings ein Ende dieser altbewährten Familie Hafendampfer an, die zwar nicht allein die Flotte der KVAG, Abt. Schiffahrt, aber doch ihr Rückgrat bildeten. Die neuen Wasserbusse waren allein durch den gerinmgeren Personalbedarf billiger und außerdem erhoffte man sich durch neue Schiffe mehr Attraktivität für die defizitäre Fördeschiffahrt. Ein Wasserbus nach dem anderen kam in Fahrt, ein alter Hafendampfer nach dem anderen wurde verkauft oder verschrottet.
Die "Möltenort" ging wie die „Holsatia" 1961 zunächst nach Flensburg und hieß fortan "Angeln", kehrte nach 12 Jahren überraschenderweise als MS "Hai" 1973 an die Förde zurück und sollte von Laboe aus Ausflugsfahrten machen. Doch sie war zu verschlissen und wurde noch im gleichen Jahr verschrottet. Die "Kitzeberg" dagegen zeigte weit mehr Durchhaltevermögen als die Schwester. Der Leser ahnt sicher schon den Gang der Dinge, der zunächst auf das Schiff zukam. Richtig! Auch dieses KVAG-Schiff ging 1962 mit neuem Namen "Nordertor" an die Flensburger Förde, wo es 1971 aufgelegt wurde. Jetzt wurde es aber richtig kompliziert und fordert dem Chronisten fast das Letzte ab. Hoffentlich haben sich keine groben Fehler eingeschlichen! Zunächst ging es nach Lübeck, 1976 an die Schlei. Die Versuche, die "Kitzeberg" dort als Restaurantschiff zu verwenden, scheiterten aber an den gesetzlichen Bestimmungen, 1977 wurde es nach Wyk auf Föhr verkauft, im November des Jahres ging es weiter nach Husum zu einer Sportbootvereinigung, deren Mitglieder es in beispielhafter Weise reparierten und zum Vereinsheim umbauten. Auf der Fahrt nach Husum – quasi auf hoher See – war das Schiff allerdings gründlich ausraubt worden. Die Sachen wurden zwar auf verschiedenen Wasserfahrzeugen von der Polizei gefunden und sichergestellt, doch Täter ließen sich nie ermitteln. Bis 1983 war soweit alles in Ordnung.
Doch als in demselben Jahr im April wieder ein Werftaufenthalt anstand,
gab es eine böse Überraschung. Die Stahlplatten des Rumpfes waren
so marode, daß eine Reparatur üblicher Art nicht mehr in Frage
kam. Der Eigner entschloß sich zu einer für Schiffe ungewöhnlichen
Lösung. Es wurden ca. 270 m² Stahlamtten auf den Rumpf aufgebracht
und mit 6 bis 8 cm Spritzbeton versehen. Die Haltbarkeit soll unbegrenzt
sein, die Verwendung als Schiff auf Fahrt ist damit allerdings ausgeschlossen,
nicht nur wegen des um 12 cm vergrößerten Tiefganges. Inzwischen
ist die "Nordertor" ex "Kitzeberg" immer wieder Gegenstand gerichtlicher
und außergerichtlicher Auseinandersetzungen gewesen. Doch unbeeindruckt
vom Rummel um sein Schicksal liegt seit Jahren der alte Kieler Hafendampfer
friedlich im Husumer Hafen, dient als Restaurantschiff und empfängt
seine Gäste. Ein privater Besitzer hat zunächst selbst genutz,
später an einen Gastronom verpachtet. Nur: Auslaufen sogar den alten
Heimathafen mit dem (fast-)Schwesterschiff "Stadt Kiel" besuchen wird
die alte Dame nie wieder können!