MS "Laboe" (hier gehts zu weiteren Bildern der "Laboe")

Geschichte der Kieler Fördeschiffahrt


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Teil 1: Von den Anfängen bis zum 2. Weltkrieg

Die Hafendampfer auf der Kieler Förde kennt jedes Kind in der Landeshauptstadt. Es gibt sie schließlich schon seit über100 Jahren. Dabei sind es schon lange keine Dampfer mehr, sondern ausschließlich Motorschiffe. Der letzte Dampfer war die "Altstadt", ein Kohlenbrenner, den die KVAG zugekauft hatte und der in jeder Beziehung ein Einzelstück war. Doch auch im Zeitalter der Motorschiffe hat die alte Bezeichnung gehalten, schließlich  hat sie sich über lange Zeit im Bewußtsein von Generationen festgesetzt. Allerdings scheint es nicht einmal den Verantwortlichen klar zu sein, wie traditionsreich die Schiffahrt auf der Kieler Förde ist und daß es sich immer in erster Linie um ein öffentliches Verkehrsmittel - modern ÖPNV genannt - gehandelt hat. Schon die erste Linie - von Neumühlen nach Kiel - diente nicht der Belustigung und dem Tourismus, sondern schlicht und einfach der Notwendigkeit, die Förde verkehrsmäßig zu erschließen.


Anleger Bellevue 30er Jahre

Was in anderen Städten Schwebebahnen, Standseilbahnen oder U-Bahnen, ist in Kiel seit 200 Jahren die Fördeschiffahrt.
Natürlich gab und gibt es auch die Leute, die nur zum Spaß "Dampfer fahren", doch die gibt es auch bei anderen Verkehrmittel wie Bus, Bahn, Flugzeug, Fahrrad und - last but not least - dem Auto. Dennoch versucht man heute, Teilen der Fördeschiffahrt wegen ihrer höheren Kosten, den Rang eine ÖPNV-Gliedes anzusprechen und die Leute durch ausgedünnte Fahrpläne und Sondertarife (teilweise 3-Zonen-Fahrschein bei Benutzung einer Zone) zu vergraulen. Der Trend geht, das kann man am Angebot der SFK und anderen Reedereien auf der Förde klar erkennen, zur Ausflugfahrt, zur Minikreuzfahrt mit Kaffee und Kuchen, Brunch oder mehr. Nicht mehr die Fahrt zum Strand ist angesagt, die Fahrt selbst wird zum Ziel. Wenn man irgendwo schnell hin will, ist i.a. das Auto allererste Wahl.

Doch zur Vorgeschichte der Fördschiffahrt! Es begann in Neumühlen und Laboe!

Die Anfänge dieses nur in wenigen Städten zu findenden Verkehrsmittels liegen sage und schreiber und 200 Jahre zurück. Es waren Familien aus Neumühlen, die mit schwerfälligen Segelbooten, die bei mangelhaftem Wind gerudert werden mußten, Waren und Passagiere nach Kiel zum Schumachertor beförderten. Es sind vor allem die Familien Jaeger und Dibbern, die ab etwa 1800 die Vorläufer der Schwentine-Linie einrichteten. 1857 begründete Beeke Selmer, Laboer Fischersfrau, einen Liniendienst auf der Kieler Förde von Laboe nach Kiel und zurück ein. Als Fähre setze sie ein offenes Fischer-Segelboot (Wadenboot) ein, das vor allem für den Gütertransport vorgesehen war, aber auch Personen beförderte: mittwochs und sonnabends fuhr das Boot, morgens früh nach Kiel, nachmittags zurück. Das Boot ist 2001 nachgebaut worden und erinnert an die frühen Fährschiffe auf der Kieler Förde.  Link   Den genauen Fahrplan bestimmten die Wind- und Wetterverhältnisse. Frau Selmer starb 4 Jahre nach Gründung ihre Fährlinie, hatte aber reichlich - männliche - Nachfolger, die in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts allerdings sehr schnell auf ein verbessertes Verkehrsmittel umstiegen: Dampfer verschiedener Reeder - meist ehemalige Fischer - sammelten an geradezu abenteuerlich konstruierten Stiegen die Fahrgäste ein, die Fahrpreise in der Größenordnung eines .gehobenen Briefportos zu zahlen hatten. Noch hatte man auf der Förde Sinn für zukunftsweisende Ideen.
Joachim Lage, der Lotsenvorsteher in Laboe, berichtete in seinen Lebenserinnerungen von einem Max Vöge, der neben der Fischerei eine Fähre zwischen Braunberg (heute: Brauner Berg bzw. Falckenstein) und Laboe betrieb. Auf dem Westufer mußte bei Bedraf ggf. ein Flaggensignal gesetzt werden, damit die Fähre aus Laboe die Leute abholte. Wenn denn keiner das Flaggensignal sah ... ! Der Fahrpreis bei Max Vöge belief sich auf 2 Schilling, ein einfacher Brief kostete damals 1 1/4 Schilling (siehe Grafik).

 

 Der Erfolg der ersten Fährgesellschaften brachte hartgesottene Geschäftsleute auf den Plan. 1886 wurde die Neue Dampfer Compagnie (NDC) gegründet. Ihre Schiffe trugen wegen ihres Anstrichs im Volksmund den Namen "Schwarze Dampfer"  und standen schon farblich im Gegensatz zu den "Weißen Dampfern" der 1905 vom Kieler Makler Christian Ivers gegründeten "Hafenrundfahrt AG". Damit waren drei richtige Reedereien auf der Förde tätig, denn nach den Anfängen in den 70ern hatte der urprünglich an der Schlei beheimatete Reeder A.C. Hansen um die Jahrhundertwende mit blauweiß gestrichenen Schiffen ("Blaue Linie") einen Dampferpendelverkehr zwischen Neumühlen und Reventlou eingerichtet. Zwischen diesen drei Reedereien hatte die Konkurrenz kleinerer Gesellschaften - u.a. auch eine Reederei mit "Grünen Dampfern" - auf Dauer keine Chance. Dafür stiegen die Betätigungsfelder: z.B. boten Blaue Linie wie die NDC zusätzliche Fahrten außerhalb der Kieler Förde an, die NDC versuchte sich, zum Teil auf regulären Fördedampfern, mit wechselndem Erfolg im Viehtransport. Wichtiger Zweig der NDC war außerdem die Schleppschiffahrt. Hatten die Schlepper nichts zu tun, konnten sie außerdem zum Personenverkehr eingesetzt werden. Für die KVAG war der Viehtransport lange Zeit ein ähnlich lohnendes Geschäft. Hauptaufgabe aller drei Reedereien blieb allerdings der normale Personentransport auf der Kieler Förde, zum Teil für Berufspendler und - noch vor dem ersten Weltkrieg - verstärkt für Ausflügler aller gesellschaftlichen Schichten. Es gab den ganzjährigen Linienverkehr Kiel-Friedrichsort-Laboe, Linien im Rundverkehr und direkte Kurse zu einzelnen Anlegern. Das Geschäft florierte. Was man sich heute kaum vorstellen kann: zeitweise lief alle 30 Minuten ein Schiff z. B. Friedrichsort an. Einen Haken hatte der Verkehr mit Schiffen auf der Förde allerdings: im Winter bei zugefrorener Förde lief nichts mehr. Dann mußte der Landverkehr allein zeigen, was er konnte. Der erste Weltkrieg und die folgenden Jahre wirtschaftlichen Niedergangs brachten der Aufwärtsentwicklung der Fördeschiffahrt ein jähes Ende:  Linieneinstellungen, Schiffsverkäufe, Fahrpreiserhöhungen waren die Folge. Doch diese Maßnahmen erzielten schon damals keine Erfolge. Ein neuer Aufschwung kam mit dem Lockern der Badesitten. Das Strandleben wurde zum Massenvergnügen. Ganze Familien entdeckten in allen Großstädten den Trend in die Natur, zur Befreiung des Körpers zumindest von einem Großteil der Kleidung, zu frischer Luft und Sonne. Vornehme Blässe war out, höchstens noch ein Zeichen für Wohnen in lichtarmen Hinterhäusern. In Kiel hieß dies: Raus zum Strand. Da Fahrräder kaum ganze Familien transportieren konnten, die Straßen holperig, Buslinien dünn gesät und PKWs das Privileg einiger weniger reicher Leute waren, hatten die Dampfer sowie die ersten großen Motorschiffe ihre große Stunde.
In der Scheinblüte der 30er Jahre schien es, als würde es mit der Fördeschiffahrt wieder bergauf gehen. Schon Ende der 20er Jahre hatte die NDC mit modernen Motorschiffs-Neubauten (an Stelle von Dampfern) von sich reden gemacht (MS Schilksee, MS Strande). Die Hafenrundfahrt AG mit ihren betagten "Plätteisen", wie sie im Volksmund hießen, zog Anfang der 30er Jahre nach (MS Stadt Kiel, MS Heikendorf, MS Kitzeberg, MS Möltenort). Weitere Dampfer, vor allem bei der NDC, wurden mit dem neuen Antrieb versehen, teilweise total umgebaut. Doch die Hafenrundfahrt AG ging, von den brauen Machthabern im Rahmen ihrer Zielsetzungen vom Rathaus finanziell unterstützt, völlig neue Wege: 1937 kaufte man die Holsteinische Autobusgesellschaft, nannte sich ab 1938 Kieler Verkehrs AG, gliederte die NDC ein und übernahm 1942 große Anteile der Kieler Straßenbahn (die letzten Aktien wurden 1965 übernommen). Gleichzeitig stieg die Stadt Kiel in großem Maßstab bei der neugegründeten Kieler Einheits-Verkehrsgesellschaft KVAG als Hauptaktionär ein. Nur die Reederei AC Hansen blieb bis zur Übernahme durch die KVAG 1965 selbständig, bediente weiter vor allem die Schwentinelinie und fuhr auf der Schlei. Insgesamt jedoch war die langfristige Verschiebung des ÖPNV in Kiel von Schiff und Straßenbahn hin zum Bus aus politischen Gründen eingeleitet. Die Beschäftigten wurden zur geringen Begeisterung der heutigen Verantwortlichen städtische Angestellte. Der zweite Weltkrieg dezimierte die stolze ehemalige Hafenrundfahrt/NDC-Flotte von 24  nunmehr einheitlich weißen Schiffen dramatisch. Es fing relativ harmlos an mit Verkäufen, Verschrottungen, Stillegungen  und Umbauten (z.B. D Prinz Heinrich zum Motorschlepper Howacht), gefolgt von Versenkungen (z. B. MS Stadt Kiel) und Beschädigungen durch den Bombenkrieg (MS Heikendorf) und endete mit Verlusten durch Reparationsleistungen (z. B. MS Schilksee, MS Strande).

Teil 2: Von der Abteilung Schiffahrt der KVAG zur SFK

Nach dem verlorenen 2. Weltkrieg fing man in der Abteilung Schiffahrt der noch jungen KVAG wie bei Bus-, O-Bus- und Straßenbahnverkehr damit an, daß man das vorhandene "Altmaterial"  aufarbeitete. Alle Schiffe erhielten neue Schornsteinmarken: ein blau-weiß-roter Ring statt des schwarzen der Hafenrundfahrt AG. Wegen der Nachkriegsnot der Kieler und der fehlenden Alternativen in Sachen Verkehr sah es in den ersten Jahren gar nicht einmal so schlecht aus für die Schiffahrt der KVAG.  Bei den Strandfahrten waren die Schiffe regelmäßig ausgebucht, Schlepper mußten immer wieder als Einsatzfahrzeuge eingesetzt werden und zusätzliche Schiffe wie die MS Katharina der Blauen Linie und der Lübecker  Dampfer Altstadt wurden gekauft bzw. gechartert. Gleichzeitig vercharterte bzw. verkaufte man das größte KVAG-Schiff, die MSLaboe, einen ehemaligen 2-schornsteinigen NDC-Schlepper, nach Dänemark. Mit den Wasserbussen kam 1959 eine neue Generation von Schiffen  in Fahrt - voran das Typschiff  MS Schilksee. Ab 1961 baute man die Ausflugsfahrten-Sparte durch Ankauf der MS Tom Kyle systematisch aus, 1965 übernahm man die Blaue Linie der Reederei Hansen. Ein letztes Mal standen die Zeichen auf Expansion. 1972 spielten vor allem die alten Fördeschiffe noch einmal eine große Rolle als schwimmende Tribünen bei den olympischen Segelwettbewerben. Anschließend wurden mehrere von ihnen verkauft bzw. verschrottet. Die Zeiten des klassischen ÖPNV mit Kunden in fast beliebiger Zahl, die keine Alternative zur Fahrt mit Straßenbahn, Bus oder Schiff hatten, ging ihrem Ende entgegen. Dies traf zuerst die Schiffahrt. Die  Autos waren schneller, flexibler und  komfortabler. Als Antwort versuchte die KVAG, den Verkehr vom Schiff aufs Land zu verschieben, als erstes wurden die Abendverbindungen auf dem Wasser gestrichen. Die lukrativen Fahrten in See mutierten zu Butterfahrten und wurden von Spezialunternehmen billiger und effektiver angeboten. Langjährige Kooperation mit dem Reeder Cassen Eils (ab 1970) brachte schließlich der KVAG bis zum Ende des Duty-Free Ruhe an dieser Front. Schritt für Schritt verkleinerte sich die Flotte der KVAG-Schiffahrt, insbesondere im Bereich der Ausflugsschiffe (Verkauf u.a. der neuen Schiffe  MS Andreas Gayk und MS Friedrichsort). Aber auch der Schrumpfungsprozeß und die nochmalige Umstellung auf eine neue Schiffsgeneration mit dem Typschiff Friedrichsort (1981) brachte keinen Umschwung. Der allgemeine Niedergang des ÖPNV in Kiel wie in vielen anderen  Städten traf die Abteilung Schiffahrt der KVAG, seit ein paar Jahren als Schlepp- und Fährgesellschaft (SFK) selbständig, besonders stark. Die Reduzierung der Fahrpläne, insbesondere im Winterhalbjahr, vertrieb weitere Fahrgäste, genauso wie die halbherzige Integration in den VRK 1998. Statt die Benutzung der Schiffe im Verbund attraktiv zu gestalten, wird für 1 Zone bei der SFK ein 3-Zonen-Fahrschein verlangt, was für viele Fahrgäste, insbesondere bei den Monatskarten und der Fahrradmitnahme, erhebliche Kostensteigerungen nach sich zog. Was gute Angebote vermögen, zeigt die Ausnahme der Schwentine-Linie. Sie floriert, da das Angebot akzeptabel ist, die Linie auf den Landverkehr abgestimmt ist und der Fahrscheinpreis in gleicher Höhe gefordert wird wie bei einer Busfahrt. Damit sind wir von historischen Betrachtungen zur  Frage nach Zukunftskonzepten gekommen. Was der Fördeschiffahrt über 100 Jahre nach Gründung der Neuen Dampfer Compagnie fehlt, sind die Abkehr von den Strategien der Vergangenheit und der Übergang zu zeitgemäßen Konzepten, die auch umgesetzt werden. Der Karlsruher Verkehrskonsult hat in seinem Gutachten vor einigen Jahren schon nachgewiesen, daß eine Trennung zwischen touristischem Verkehr und ÖPNV auf dem Wasser unverzichtbar ist. Die Zielsetzungen dieser beiden Aufgaben der Fördeschiffahrt sind zu verschieden, als daß man sich die Kombination aus beidem leisten kann. Mit einer Schiffahrt, die beides können soll, wird man weder dem einen Zweck, Fremden in aller Ruhe auf eher verschlungenem Fahrtweg die Schönheiten Kiels und seiner Förde nahezubringen, noch dem Berufspendler gerecht, der schnell und schnörkellos auf die andere Seite der Förde wechseln will bzw. muß und für eine 15-Minuten-Fahrt mit der SFK gerne auf eine 45-Minuten-Fahrt mit dem Auto verzichtet. Wo - muß man sich fragen - hat der ÖPNV heute noch eine Chance, so viel schneller zu sein als der PKW als bei einer Fördequerung. Und diese Chance will man ungenutzt lassen? Das kann doch wohl nicht war sein! Nachgewiesen haben die Karlsruher auch, daß mit den zur Verfügung stehenden Schiffen fast doppelt so viel Fahrten angeboten werden könnten. Kein Wunder, daß beim leichtfertigen Verzicht auf ein besseres Angebot die Kosten steigen und die Fahrgäste weglaufen. Die Deutsche (Bundes-)Bahn hat es in Schleswig-Holstein gezeigt: verbesserte Ausnutzung des rollenden Materials, nahezu verdoppeltes Angebot, moderne Fahrzeuge bringen eine erhebliche Zunahme der Fahrgastzahlen.  Eine weitere Ausdünnung des SFK-Angebotes auf der Förde wird dagegen nur eines bringen: weiteres Sinken der Fahrgastzahlen, auch im Landverkehr. Verändert werden muß auch das Angebot. Die Schiffe sind zu groß, zu langsam und zu teuer für den ÖPNV auf dem Wasser. Völlig sinnlos dürfte der Einsatz von Schleppern mit Tausenden Kilowatt Leistung sein, um ein paar Fahrräder und deren Besitzer zu transportieren. Notwendig wäre auch Restauration an Bord, für Touristen genau so wie für Pendler: Kaffee, Brötchen, Kuchen - das bietet der eigene PKW nicht. Man müßte statt auf Opernkreuzfahrt vielleicht mal nach Stockholm, Göteborg oder Kopenhagen fahren und sehen, wie man dort modernen ÖPNV auf dem Wasser betreibt. Schiffe wie in Kiel gibt es dort nicht. Klein, schnell und mit Restauration an Bord ist dort schon lange Standard! Auf jeden Fall gehören die "Hafendampfer", in welcher Form auch immer, zu Kiel wie der Rathausturm und die Nikolai-Kirche. Daß man die Kieler Straßenbahn so leichtfertig und sinnlos falschen Konzepten geopfert hat, müßte eigentlich teures Lehrgeld genug gewesen sein. Demnächst: die Fähren in der Hörn und im Kanal!
 

 Teil 3: Die Linien Innenstadt-Gaarden und Wik-Holtenau

Zwei Fährlinien sollen wegen ihrer besonderen Geschichte und Bedeutung gesondert behandelt werden:
 Zunächst die Linie Gaarden-Innenstadt: Anfangs mit Ruderbooten, später mit Dampfern betrieben die unterschiedlichsten Vereinigungen schon seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts Fährlinien über die Innenförde, überwiegend von Gaarden zur Innenstadt. Einen Fehler hatten sie allesamt: sie konnten bauartbedingt den zahlreichen Pferdefuhrwerken nicht den zeitraubenden Weg um die Hörn herum ersparen. Also sann man von Seiten der Stadt auf eine zweckmäßige Lösung. Zur Wahl standen eine für den Landverkehr optimale Brücke, die allerdings die Schiffahrt behindern würde, sowie eine Fahrzeugfähre, die zu Wartezeiten bei der Kundschaft führen mußte. Bei dieser Lösung würden außerdem die Fahrzeuge von der Eisenbahn auf der Bootshafenseite behindert werden, befürchtete man damals. Man entschied doch für die Fährlösung und baute zu Kosten,die weit höher waren als geplant waren, zwei Fähranleger und 3 Trajektfähren mit den sinnigen lateinischen Namen Primus, Secundus, Tertius (zu deutsch: der erste, der zweite, der dritte). Ab 1908 konnten nach aufwendigen Baumaßnahmen die Fähren den Verkehr aufnehmen. 36 Jahre taten die drei identischen Fahrzeuge brav ihren Dienst, dann - 1944 - wurden die Anleger Opfer des Bombenkrieges und  als solche nicht mehr brauchbar. Die Secundus wurde zerstört, Tertius schwer beschädigt und als Badefloß aufgebraucht. Primus ging als Kanalfähre nach Brunsbüttel. Ab 1947 wurde der Verkehr von Gaarden zum Bootshafen zunächst mit einem Fördeschiff der KVAG, dann von Kapitän Willy  Zenner erst mit Barkassen, später mit alten Alsterschiffen  als reiner Personenverkehr wie in alten Zeiten erneut aufgenommen. Zenner  gelang es, 14 Jahre lang die Linie kostendeckend zu bedienen und sogar ein größeres Schiff zu kaufen. Es war zwar schon 64 Jahre alt, seine Aufbauten verrottet und erneuerungsbedürftig. Doch der Stahlrumpf war einwandfrei. Unter dem Namen Loop to setzte Zenner seinen Neuerwerb auf der Gaardener Fährlinie ein. Vielleicht war der Erwerb des neuen Schiffes  zuviel für den kleinen Betrieb. 1961 kam er zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten, auch wenn die Zwangsversteigerung im folgenden Jahr gerade noch abgewendet werden konnte. Nach Zenners Tod im Jahre 1962 - kurz nach der Rettung seiner Reederei in letzter Sekunde -übernahm die KVAG die Linie und bediente sie u.a. mit dem schon betagten und mehrfach umgebauten Fördeschiff Friedrichsort (Baujahr 1907), bis die Umgestaltung der Kaianlagen (Schwedenkai und Bollhornkai) den Betrieb einer Fährlinie nach Gaarden unmöglich machten und außerdem die Brückenlösung inzwischen doch in die Tat umgesetzt wurde, wenn auch in modifizierter Form. Die Loop to des alten Zenner gibt es  übrigens noch. Sie wurde nach Flensburg verkauft, hieß später Solitüde und mußte noch 3 Namensänderungen erdulden. Jetzt hat sie ihren 7. Namen und liegt als schwimmendes Café in Sønderborg im Segelhafen.

Nun zur Kanalfähre Wik-Holtenau: In unserer Kinderzeit kostete auf ihr die Rückfahrkarte 5 Pfenning, eine Fahrt also 2,5 Pfenning. Dieser Betrag war festgesetzt worden, als zu Kaisers  Zeiten die Kanalverwaltung mit dem Bau der  Prinz-Heinrich-Brücke ("Holtenauer Hochbrücke") die alte Pontonbrücke (siehe Sonderausgabe Kieler Anzeiger 1998)  ersetzte und sich verpflichten mußte, eine Fährlinie mit einem hölzernen Boot einzurichten. Diese Bootslinie, deren Fährzeiten genau vorgeschrieben waren, war ein so großer Erfolg, daß nach wenigen Jahren in Zusammenarbeit mit der Stadt (Holtenau wurde bekanntlich 1922 eingemeindet) ein Schiff der Hafenrundfahrt AG eingesetzt werden mußte. Eingesetzt wurden ab 1925 u.a. der Dampfer Dietrichsdorf (Baujahr 1906), dann - von 1931 bis 1955 - der im Krieg umgebaute Dampfer Holtenau (er wurde anschließend zum Schlepper umgebaut und genoß bei Wassersportlern wegen seiner unangenehmen Wellen keinen guten Ruf!) und schließlich die Wik, ein kleines, ursprünglich für kombinierten Fischtransport und Passagierdienst gebautes Motorschiff. 1977 wurde der Einsatz der MS Wik kurz durch den Einsatz der Barkasse Hubert unterbrochen, die nach einer Kollision mit einem Frachter sank. Ein Todesopfer war zu beklagen. Inzwischen hat sich die KVAG längst aus dem Kanalfährgeschäft zurückgezogen. Die kleine Fähre Adler I  betreibt seit 1984 im Auftrag der Wasser- und Schiffahrtsverwaltung den Fährverkehr. Die Fähre wurde extra für den Einsatz zwischen den Stadtteilen Holtenau und der Wik  in Husum gebaut, die Fahrt über den Kanal ist kostenlos. Der Verkauf von Fahrscheinen zu 5 Pf. würde sicher auch nicht einmal mehr die Druckkosten der Billetts decken.

Literatur:
Hannelore Pieper-Wöhlk/Dieter Wöhlk: Personenschiffahrt auf der Kieler Förde, Erfurt 2007    Neu!!!
Bruno Bock: Grüne Blaue Schwarze Weiße Dampfer - Die Geschichte der Kieler Fördeschiffahrt, Herford 1978
Kieler Anzeiger, Sonderausgabe 1998, Kiel 1998



(c) Hannelore Pieper-Wöhlk und Dr. Dieter Wöhlk, 2/2002  Update 7/2007